Prof. Paul M. Zulehner war am 16.03.2012 Gast in unserem Pfarrverband

Paul M. Zulehner besuchte unsere Gemeinde am Freitag, den 16.03.2012. Der Vortrag vor vollem Publikum fand in der Zeit von 19.00 bis 21.15 Uhr im großen Saal des Gasthauses Alter Wirt statt. Nach einer kurzen statistischen Einführung über ausgetretene, nicht ausgetretene und unentschied­e­ne Katholiken und Protestanten führte Prof. Zulehner ein in seine Vision einer zukünftigen Kirche.

1.       Visionsschwund
Prof. Zulehner stellt zunächst fest, dass die Kirche in ihrem heutigen Erscheinungsbild an einem Vi­sions­schwund leidet nach dem Motto: „Mehr vom Selben“. Einfallslos wird einfach weitergemacht wie bisher. „Downsizing“, also Kirchenbetrieb auf Sparflamme nennen dies die Fachleute. Die Folgen sind absehbar: „Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir nicht mehr lange weitermachen“, zitiert Prof. Zulehner den deutschen Politiker Erhard Eppler. Der Priester­man­gel wird verwaltungstechnisch gelöst durch die Ausweitung der Räume einhergehend mit weniger lokalen Sonntagsmessen. Bei dieser Entwicklung bekom­men wir die Sonntagspredigt samt heiliger Kommunion demnächst per Post zu­ge­stellt, so Prof. Zuleh­ner. Die Folge: eine Kirche für mobile Gesunde ohne Kinder entsteht. Die Nähe zu den Men­schen, besonders zu den Älteren, Kranken, Pflegebedürftigen, Behinderten, wird zugunsten des Er­halts der ohnedies verfallenden Sozialform der Kirche aufgegeben.
Prof. Zulehner nimmt in diesem Zusammenhang die Berufungsgeschichte des Samuel 1 Sam 3,1-3 als ausdrucksstarkes Bild auf. In diesem Text wird die Visionsschwäche eigens hervorgehoben, indem gesagt wird, dass „in jenen Tagen Worte des Herrn selten waren“. Das hat es damals also auch schon gegeben und ist kein Markenzeichen unserer Zeit. In dieser visionslosen Zeit beruft Gott nun nicht den honorigen und zugleich korrupten Amtsträger Eli, nein, er beruft den unerfahrenen Samuel. Zudem beruft er ihn im Schlaf, also im Zustand menschlicher Passivität. Die Aktualität dieser tiefsinnigen Geschichte: Samuels Missverständnis, dass nicht Gott, sondern Eli ihn in der Nacht gerufen habe, gilt auch für uns Laien, die sich mehr als Gerufene der Priester betrachten und nicht verstanden haben, dass sie unmittelbar berufene Mitarbeitende Gottes sind! Und noch eins wird sichtbar: Gott wählt sich gern den Laien, den Anfänger, den Unerfahrenen. Daraus folgt: die Vision kommt nicht über den Amtsträger, zumindest nicht immer. Gott wählt den Anfänger, nicht den Profi!

2.       Die Kraft der Visionen
Prof. Zulehner betont, wie wichtig Visionen für die Lebens- und Handlungsfähigkeit auch und gerade von religiösen Organisationen sind. Gerade weil uns in manchen Teilen der Welt­kirche die be­wegenden Visionen fehlen, herrscht so viel Depressivität. Strukturen sind für die Inkarnation der Vision in die Geschichte unverzichtbar. Aber sie sind kein Ersatz für Visionen. Der aktuelle Kirchenumbau dreht sich mehr um Strukturen als um Visionen, mehr ums Geld als um Gott. Das muss sich ändern. Doch was bewirken Visionen, so fragt Prof. Zulehner?

Visionen orientieren
Visionen sind wie der Stern, der den Weisen den Weg zum Neugeborenen zeigt. Orient be­deu­tet  Aufgang - gemeint ist der der Sonne. Die Sonne ist für uns christliche Gemein­schaf­ten Jesus, der Auferstandene. Alle Gotteshäuser sind geostet. Damit ist klar: wir Christen richten uns an Christus aus und auf. Die Schlüsselfrage der Kirche lautet daher nicht: Wie geht es mit der Kirche weiter? sondern: Wie geht ER, Christus, der Herr der Kirche, mit uns weiter? Dieser Wechsel der Perspektive allein schon entlastet und befreit aus jeder depressiven Grundstimmung.
Visionen motivieren

Visionen setzen in Bewegung, schaffen Wachstum und Lebendigkeit. Sie regen die Phantasie an und führen Menschen kreativ zusammen: „Willst du, dass die Menschen ein Schiff bauen, dann (…) wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten Meer.“ (Exupery)

Visionen kritisieren

Visionen gerade in Form prophetischer Worte sind nie nur angenehm. Sie stören den Lauf der normalen Dinge. Der Prophet Amos war ein schmerzender Stachel für den König und die Priester seiner Zeit. Die Propheten konnten nicht schweigen, weil Gott die Hand auf sei gelegt hatte. Hat die Kirche auch heute noch genug Propheten? Oder verfügt sie nur über ängstliche Verwalter des Erbes?

Alle sind mit Visionen beschenkt

Gott geht mit seinem prophetischen Geist nicht sparsam um, so Prof. Zulehner. Er will seinen Geist auf alle im Volk Gottes ausgießen, d.h. jede Christin und jeder Christ trägt eine gottge­schenkte Vision davon in sich, was Gott heute von seiner Kirche erwartet. Doch wie kann dieser Schatz gehoben werden? Prof. Zulehner sagt, jeder muss zunächst bei sich selbst einkehren. Er muss mit Jesus in der Stille der Nacht auf den Berg steigen, um zu beten, auf Gott hinhorchend, in tiefer Stille und Einsamkeit und sich die Frage stellen: „Gott, was traust du mir in der Kirche zu, welche Aufgabe ist du für mich vorgesehen“? (Apg 2,47)

Fremdvisionen motivieren kaum

Prof. Zulehner warnt davor, sich vorschnell etwas vorgeben zu lassen. Vorgeben ist leichter und vorallem bequemer als selbst zu erkunden und zu vereinbaren. Damit bleiben wir aber unmündig! Denn Vorgaben sind keine eigenen Visionen! Fremdvisionen aber, mögen sie noch so einleuchtend sein, motivieren kaum. Viel Energie ist sodann nötig, um die Menschen zu bewegen und auf der Spur zu halten.

Vereinbaren ist besser

Besser, wenngleich zeitlich aufwändiger ist es, Visionen zu erkunden und zu vereinbaren. Solche Visionen wirken von innen. Der Hund muss dann nicht zur Jagd getragen werden, so Prof. Zulehner. Die Kunst der Leitung besteht in diesem Fall nicht darin, die Ziele vorzugeben, sondern darin, die Kraft der Visionen in den vielen beteiligten Menschen zu heben und zuzu­sehen, dass die kleinen Visionsrinnsale zusammenfließen zu einem starken mitreißenden Visionsstrom. Die Aufgabe, darauf zu achten, dass die anvertraute Gemeinde in der Spur des Evangeliums bleibt, teilen ordinierte Amtsträger zwar mit allen Mitgliedern, darüber hinaus haben sie aber eine nicht abgebbare (von Gott) aufgelastete Verantwortung. Deshalb wird bei der Weihe einem Bischof das Evangelium und nicht der Kodex auf das Haupt gelegt, so Zulehner.

3.       Tod von Organisationen
Der finnischstämmige Amerikaner Martin F. Saarinen hat eine Studie erstellt zu der Frage, was eine Kirchengemeinde lebendig macht. Prof. Zulehner stellt diese Studie anhand eines Life-Cycle of a Congregation vor: dieser Lebenszyklus, den alle Organisationen zwangsläufig durchlaufen beginnt ansteigend mit der Geburt, setzt sich fort über die Kindheit hin zur Ju­gendzeit, um sodann das Erwachsenenalter zu erreichen. Hier ist nun der Zenit erreicht, denn jetzt folgt das Alter mit seinen Stadien: Reife, Aristokratie, Bürokratie und schließlich Tod. Die grund­legende Erkenntnis dieses Entwicklungsprozesses ist, dass Organisationen sterblich sind, damit auch kirchliche Organisationen wie z.B. Pfarrgemeinden, geistliche Bewe­gun­gen oder Orden. Als Beispiel nannte Prof. Zulehner einst blühende christliche Gebiete wie Klein­asien, Nordafrika aber auch die europäischen Gebiete Tschechien, Estland oder Ostdeutsch­land vor der Wende. Besonders die europäischen Gebiete wurden allesamt durch den kir­chen­­aggressiven Kommunismus atheisiert.

4.       Geburt von Organisationen
Aber Organisationen sind nicht nur sterblich, sie werden auch neu geboren. Geboren werden Organisationen aber nur aus der Kraft der Vision. Das beste Beispiel hierfür ist Jesus und seine Visions­gemeinschaft. Er verkörperte in dem, was er tat und wovon er redete, die Vision von einer Welt, in der Gottes Schöpfungstraum Wirklichkeit wird.

5.       Die konstantinische Wende, Staatskirche und Altwerden einer Organisation
Aus dieser kraftvollen jesuanisch gestifteten Visionsgemeinschaft und späteren Untergrund-/ Katakomben­kirche erwuchs sodann in der konstantinischen Wende 313 eine Staatskirche, die sich zur kulturell in der Bevölkerung verankerten Volkskirche auswuchs. Das quantitative Wachstum wurde zu einer qualitativen Schwächung und unter diesen Auswirkungen leiden wir laut Prof. Zulehner bis zum heutigen Tag, ausgedrückt in dem Satz: „Es gibt heute viele Katholiken und Protestanten, aber darunter nur wenige Christen.“
Alt werden Organisationen, wenn die Kraft der Vision nachlässt. Es ist die Zeit der Jubiläen. Man schaut zurück und gedenkt des kraftvollen Anfangs und was daraus wurde. Was bleibt, sind selbstzufriedene, gut verwaltete, immer weiter alternde Gemeinschaften. Irgendwann regiert nur noch die Administration mit der ihr eigenen Lust an visionsarmen Strukturen. Es geht dann nur noch um Geld, weniger um Gott. Eine sterbende Kirchengestalt wird erfolg­reich verwaltet. Das Ende: der organisatorische Tod nach einer schleichenden, lautlosen Implosion.

6.       Erneuerung
Wie kann Erneuerung erfolgen? Zunächst mahnt Prof. Zulehner, zurückzuschauen. Zurückschauen ist in der biblischen Tradition unvereinbar mit der Vision/Berufung Gottes. Wer nochmals zurückschauen möchte, indem er sich zuerst noch von seinen Eltern, etc. verabschieden, wird vom Propheten mit harschen Worten zurechtgewiesen. Wer also zurückschaut, dem ergeht es wie Orpheus, der durch sein (ängstliches) Zurückschauen seine bereits gewonnene Eurydike nun für immer verliert. Hier manifestiert sich die älteste Mensch­heits­frage: Was ist stärker, der Tod oder die Liebe bzw. das Leben? Der Christus-Orpheus gibt die klare Antwort: zwar leidet die gesamte Menschheit an der Todeswunde, doch der Spielmann Christus, wird Mensch und geht in den Tod. In der ostkirchlichen Tradition ist die Höllenfahrt Christi ein zentrales Ereignis. „Hinabgestiegen in die Hölle“ ist exakt derselbe Vorgang, von dem der griechische Mythos berichtet. Und doch unterscheidet sich der Mythos tiefgreifend vom Evangelium: Der Christus-Orpheus geht seinen Weg „rück-sichts-los“, ohne auf sich selbst zu achten, einzig dem Auftrag Gottes gehorsam. Und so rettet er die Menschen aus der Macht des Todes. Mag aus menschlicher Sicht und Erfahrung der Tod das letzte Wort haben, aus der Sicht Gottes hat die Liebe – die Gott ist – das letzte Wort. Die Menschheit wurde von ihrer Todeswunde geheilt. Dabei wird die Lyra des Orpheus-Christus zum Symbol der Kirche, die der liebende Spielmann zum Klingen bringt mit seinem Plektron, das als Symbol für den heiligen Geist steht. Diese Geschichte birgt viel Erhellendes für unsere Zeit, so Zulehner: viel zu sehr stellen wir z.Zt. die Kirche in den Mittelpunkt unserer oftmals besorgt-kritischen Überlegungen. Es geht aber nicht in erster Linie um die Kirche. Das Thema ist vielmehr Gott und seine Welt, Christus und sein unglaublicher Einsatz für die dem Tod verfallene geliebte Menschheit. Für sie setzt er alles ein, was er ist und hat. Die Kirche spielt somit nicht ihr eigenes Lied, sondern das Lied Christi!

7.       Eine unglaubliche Verheißung

Am Beispiel Gen 18,1-15 zeigt Zulehner die Parallelen zwischen der Altersdepression des alttestamentlichen Paares Abraham und Sarah und der Kirche in unseren Breiten. So stellt sich mit Abraham und Sarah die Frage: Kann eine alte Kirchengestalt noch eine neue gebären: als Kind göttlicher Verheißung? Trauen wir Gott das zu? „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“(Jes 43, 18-21) Inmitten der leblosen Wüste schafft Gott in diesem Text Leben. Was am Vergehen ist, bekommt Zukunft. So gilt das göttliche Wort der Verheißung auch für uns, d.h. die Kirche wird nicht vergehen, wohl aber die uns vertrauten Strukturen und Gestalten von gestern. Eine neue Gestalt wird „geboren werden“. Sie fällt nicht vom Himmel, so Prof. Zulehner, sie bildet sich im Schoß der Kirche. Es ist wie beim Ultraschall: wir scheinen manchmal blind zu sein, um zu sehen, wie sich die neue Gestalt unaufhaltsam (wie ein Embryo im Mutterleib) formt.  Auch die künftige Gestalt der Kirche zeichnet sich heute schon schemenhaft ab.

8.       Die Angst und Gottes Erbarmen

Alle dem steht die menschliche Angst entgegen. Damit der Mensch auf dem Weg der Voll­endung in der Liebe vorankommt, braucht es viel an heilenden Kräften, die vor allem von der dämonischen Angst vor dem Tod und deren tragischen Auswirkungen in Richtung Gewalt, Gier und Lüge heilen. Die Kirche ist zusammen mit ihrem Herrn, dem Heiland Heil-Land. Wer in ihre Gemeinschaft eintritt, verliert etwas von der Angst vor dem Tod und der Angst um sich selbst: Liebe kann reifen und wirken. In einem weiteren Bild zeigt Prof. Zulehner Christus, wie er Adam und Eva an seiner rechten und linken Hand gefasst an sich zieht und so dem Tod und der Verzweiflung entreißt. Adam und Eva stehen für die gesamte Menschheit. Das heisst: An Christus vorbei wird niemand gerettet. Dies ist keine Vereinnahmung durch die Kirche, sondern eine Verausgabung Gottes und die Menschen, also keine Vereinnahmung der anderen, sondern eine Verausgabung für andere. Durch Christus werden wir zu dem, was wir sind: Liebende – weil wir alle Ebenbilder des liebenden Gottes sind.

9.       Der barmherzige Vater

Am Beispiel vom Gleichnis des barmherzigen Vaters zeigt sich, dass das göttliche Wesen Erbarmen ist und das bedeutet: Leben wird ermöglicht, Leben in Fülle. Ein Gottesgericht erfolgt in Form von Aufrichten, Heilen, Vollenden. Die Herausforderung für uns: wie Jesus uns mit dem Vater im gleichnamigen Gleichnis identifizieren, damit sein Erbarmen zu unserem Erbarmen wird. Der ältere verstockte Bruder steht für die Kirche, die Hierarchie, die oft nicht erkennt, um was es geht.

Zusammenfassung:

Wer dachte, Prof. Zulehner stimmt bei seinem Vortrag ein in den Chor der Unzufriedenen und De­pres­siven,  der sah sich entweder bitter enttäuscht oder aber er wurde angenehm überrascht. Prof. Zulehner zeigte anhand vielfältiger biblischer Bilder die ursprüngliche und befreiende Kraft christ­lichen Glaubens auf. Es zeigte sich dabei, wie wichtig Visionen sind, genauer: von Gott geschenkte Visionen. Anstatt uns entmutigt unserem scheinbaren Schicksal zu ergeben, sollten wir nach diesen Visionen in uns Ausschau halten. Denn jeder von uns trägt diese göttlichen Visionen in sich, so Zulehner. Es gilt sie zu heben und für die Gemeinde fruchtbar zu machen. Dazu ist es aber nötig, offen und frei von Angst miteinander zu sprechen, Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig zu bereichern. Und es ist wichtig, die Spur Gottes immer wieder neu zu entdecken: Gott geht andere Wege als wir es gewohnt sind und aus unserer menschlichen Erfahrung kennen. Gott „benutzt“ gern Menschen, auf die wir zunächst nicht achten, die Kleinen, Unauffälligen, Unerfahrenen, nicht Auf­fälligen. Sein Geist weht wo er will. Wir sind es in der Regel gewohnt, nach oben, zu den Kirchen­führ­ern zu schauen und abzuwarten, was geschieht. Doch so ändert sich nichts. Die Veränderung der Situation geschieht nicht von oben sondern meist von unten. Sie geschieht in jedem Einzelnen von uns selbst. Deshalb müssen wir in uns hineinhorchen, um die Stimme Gottes, die ein leises Säuseln ist (vgl. Elija), auch zu vernehmen und so einer Vision gewahr zu werden. Nur mit dieser aus dem Inneren einzelner von Gott berufener Menschen kommenden Vision wird Gemeinde grundlegend verändert. Die Organisation kann sterben, der Geist und die Vision sind unsterblich! Wenn wir das begreifen und annehmen können, geschieht automatisch Veränderung. Wir hören auf zu jammern und werden tätig, d.h. mittätig mit Gott, der der eigentlich Handelnde ist. Das ist entlastend: Nicht wir sind die eigentlich Handelnden, sondern Gott. Wir brauchen uns als Christen eigentlich nur beschenken zu lassen. Wir müssen sogar wie Samuel „schlafen“, um unserer Vision und ihrer Kraft gewahr zu werden. Aus diesem Beschenktsein heraus können wir dankbar aktiv werden für die Ziele Gottes. Wir werden so Mitstreiter Gottes, Weggefährten auf dem Weg nach Emmaus. Wenn wir so von Gott angerufen sind, jeder Einzelne von uns, dürfen wir alles angstfrei und voll Neugier und Freude ausprobieren, nur eins dürfen wir nicht: uns umschauen. Denn Umschauen, Zögern ist ein Angstmechanismus, der nicht zur Gottesdynamik passt. Die Angst ist die Schwester des Todes. Christus jedoch hat uns vom Tod ein für alle mal befreit. Deshalb: „Fürchtet euch nicht!“ Und so dürfen wir uns mutig den zwei großen Herausforderungen stellen: lieben und arbeiten. In beiden Belangen scheitert der jüngere der beiden Söhne (Gleichnis vom barmherzigen Vater), alle scheitern wir auf unseren Wegen und Umwegen des Lebens immer wieder, bleiben hinter unseren Träumen und Möglichkeiten stets zurück. Hier Schuld zusprechen, hieße, Leben vernichten. Jesus geht einen anderen Weg. „Ich verurteile dich nicht!“, sagt er zur Sünderin, die gesteinigt werden sollte. Seine Absicht, ist zu heilen, aufzurichten, Leben zu ermöglichen, neue Lebensräume zu eröffnen. Wenn wir begreifen, dass wir Söhne und Töchter eines barmherzigen Vaters sind, geschieht unweigerlich Auf­erstehung. So wie der wiedergefundene/auferstandene Sohn (wiedergefunden= aneste= aufer­stan­den) dürfen wir auch auferstehen und werden so von Toten zu Lebendigen, von Sklaven zu Freien.

Prof. Zulehners Vortrag war ein segensreicher Vortrag,  er war im wahrsten Sinne des Wortes geistvoll und voll Dynamik. Er hat uns allen Mut, manchen vielleicht auch Angst gemacht. Auf alle Fälle hat er gezeigt, dass es keinen Grund gibt, sich schicksalsergeben einzureden, mit der Kirche und dem Glauben und damit auch mit uns ginge es zu Ende. Er hat auf der Grundlage tiefgreifender biblischer Bilder Wege aufgezeigt, die jedem Einzelnen von uns zur Hoffnung werden können und die Kraft geben, mutig selbst Visionen zu entdecken und für das Gemeindeleben fruchtbar werden zu lassen. Ich glaube sagen zu können, Prof. Zulehners Vortrag hat uns derart verzaubert, so dass wir nach dem Vortrag andere waren als vor dem Vortrag, wie bei einem Geburtsvorgang: Neues wurde geboren, Hoffnung entstand.

Wir danken Prof. Zulehner herzlich für sein Kommen.

(Bericht: Markus Kahler)